Die Geisterstadt am Rande Venedigs

Abseits der Pfade

Hallo liebe Abseits der Pfade-Freunde!

Willkommen bei meinem „Abseits der Pfade“-Blog, der uns zukünftig gemeinsam in regelmäßigem Abstand etwas abseits der Pfade an stimmungsvolle Locations in Österreich und Italien führen wird. Natürlich werden auch die kulinarischen und kulturellen Tipps zu den jeweiligen Themen nicht fehlen.

Zum Einstand gibt es ein Fotofilmchen (soeben kreiertes Wort!), das uns in ein verlassenes und teilweise devastiertes Hospital am Lido di Venezia führt. Selten habe ich mich bei einem Fotoshooting dermaßen gegruselt und das bei strahlendem Sonnenschein und wolkenlosen Himme unter der glühendheißen Augustsonne des Sommers 2014, der eigentlich ziemlich durchwachsen und laut italienischer Statistik der schlimmste seit 70 Jahren war.

Ich war an diesem Kaiserwettertag scheinbar weit und breit der einzige lebende Mensch auf diesem gespenstischem Areal und das direkt hinter dem dicht bevölkerten, sommerlichen Strand des venezianischen Lidos. Eine Gruselkulisse, die jedem Fan des Genres Freudentränen in die Augen treiben würde. Die Fensterläden klapperten im Wind, die bizarren Kunstwerke auf den abgerissenen Wegen und Straßen machten jedem postapokalyptischem Streifen Ehre. Der Wind pfiff so penetrant durch die verlassenen Gänge des Hospitals, als ob er vom Tonband kommen würde und die teilweise verstörenden Bemalungen an den Wänden „send shivers done my spine“.

Für diejenigen, die der Thematik verlassener Bauwerke so wie ich verfallen sind, gibt es ein paar traumhafte alte Fotos des Ospedales aber auch zeitgenössische Filmchen von gleichgesinnten Nerds ganz easy auf youtube dazu zu finden. Seit einigen Jahren verfällt der einst eindrucksvolle ehemalige Spitalskomplex mehr und mehr und mutiert täglich mehr zu einer Naturkulisse par excellence für „Walking Dead“-Freaks.

Der Soundtrack zu dem nachfolgenden Clip stammt stimmigerweise von der italienischen Artrockband Goblin, die u.a. für den Meister des italienischen Gruselfilms Dario Argento einige prägnante Themen verfasste und auch für George Romeros „Dawn of the Dead“ den (hier u.a. verwendeten) Soundtrack komponierte. Die Musik spiegelte exakt meine Stimmung beim Fotografieren wider und neben einem echten (??!) Zombiegirl, das an mir vorbeischlurfte und mich wirklich zu Tode erschreckte (sie ist auf einem der Bilder kurz zu sehen), sprach ich dann auch mit einem der wenigen Bewohner, die hier illegal leben. Also doch nicht ganz mutterseelenallein wie gerade reißerisch von mir behauptet.

Andrea so stellte sich mein Gesprächspartner mit festem Handschlag und durchdringendem Blick vor stammt ursprünglich aus San Donna di Piave, ist ganz 21 Jahre jung und gemeinsam mit seiner gleichaltrigen Frau und seinem 8 Monate alten Baby wohnt, oder wie er sagt „haust“ er hier nun seit mehr als einem halben Jahr. Der kunstvoll geinkte und gepiercte junge Mann mit münzgroß gestanzten Löchern in den Ohrlappen und den drei armdicken Dreads erzählt von seinem beschwerlichen Alltag, davon dass er sich mit Gelegenheitsarbeiten in Chioggia über Wasser hält, für sein Leben gerne malt (einige seiner eindrucksvollen Kunstwerke zeigt er mir auch voller Stolz) und mittlerweile genug von der vorherrschenden Politlandschaft hat, deren Menschenverachtung und rein wirtschaftlich ausgerichteten Ziele er überhaupt nicht mehr unterstützen will. Er ist genügsam und froh hier sein gratis Atelier für seine bizarren Kunstwerke unter freiem Himmel nutzen zu können.

Auch wenn er früher oder später, etwas „Besseres“ für seine Familie suchen will. Denn des Nachts ist selbst ihm etwas unheimlich, wenn auf dem verlassenen Gelände der Wind pfeift und die Ratten durch die Gänge huschen. Über das ganze Spitalsgelände verstreut wohnen noch eine handvoll Leute mit den verschiedensten Nationalitäten (vor allem aus den ehemaligen Ostländern), denen Andrea aber aus dem Weg geht und mit denen er nichts zu tun haben will. Vor ein paar Wochen gab es im ehemaligen Ospedale sogar eine Theaterveranstaltung in dem noch völlig intakten Theatersaal, wo Brechts „Mutter Courage“ zum Besten gegeben wurde. Das eingeweihte Volk musste durch eine eingeschlagene Scheibe bei der ehemaligen Portiersloge kriechen oder über eine niedrige Stelle am Umgrenzungszaun klettern, um zur Vorstellung zu gelangen.

Wer selber das Gelände vor Ort erkunden will, der kann nach erfolgter „Walking Dead-Safari“ entweder im unmittelbar benachbarten Meer Abkühlung suchen und sich vom soeben Erlebten freischwimmen oder eine Ecke weiter in der sich in der Via Francesco Duodo 33 befindlichen von Luca und Gabriella Pradel geführten Trattoria „Favorita“ in familiärer Atmosphäre bei einer spitzenmäßig zubereiteten „Fegato alla Veneziana“ oder bei fangfrischen schmackhaftem Meeresgetier gepaart mit einem feinem Malvasia aus dem Friaul von der ausgezeichneten Weinkarte laben. Geheimtipp!!! Der Touristenanteil hält sich hier noch in Grenzen. Die Trattoria „Favorita“ wird überwiegend von Einheimischen frequentiert, die gutes venezianisches Essen und Trinken in geselliger und ungezwungener Atmosphäre zu schätzen wissen.

Wer es allerding in nächster Zeit nicht bis nach Venezia schaffen sollte, der kann sich in meinem Clip "Ex Ospedale al Mare am Lido di Venezia" einen ausführlichen Eindruck über das verwunschene und geisterhafte ehemalige Spital im Schatten Venedigs machen. Gänsehaut garantiert.

Christian Fuchs (Journalist und Rundfunk-Ikone u.a FM4, „House of Pain“) meint nach Vorabdurchsicht: „Super Schauplatz für einen Film! Wo sind die italienischen Gegenwartsregisseure, die hier ein Remake von „Geisterstadt der Zombies“ drehen?“

Die für den stimmigen Soundtrack verantwortliche italienische Formation Goblin spielt übrigens das erste Mal in ihrer bereits seit 1974 andauernden Karriere Live in Wien und zwar am kommenden Freitag den 20. März 2015 in der Arena. Ob ihr es glaubt oder nicht. Von dem Livekonzert habe ich erst nach Verfassen des Blogs erfahren. Es muss also doch mehr Dinge zwischen Himmel und Erde geben oder?!

Hier nochmals der Link zur Tour durch das Ex Ospedale Lido di Venezia !

A Presto!

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5 Kommentare

Kommentar von Jurij Clemenz |

Wolfgang, dein Blog ist umwerfend! Mir stehen die Haare hoch! ... und ich sehe Paralelen... genau so wie du die Leute mit deiner Kulinarik langsam und quallvoll, verschwoererisch laechelnd, umbringst, so ist dein Photo&Musik Ausflug ins Lido-Spital gestalltet. Mein Kompliment, das Waterboarding ist ein Kinderspiel im Vergleich zu deinem Approach :-)!

Kommentar von M. Gradinger |

Ein Blog von Wolfgang Salomon, ich freue mich total darauf! Ich habe alle bisher erschienenen Bücher verschlungen und hefte mich jetzt auch hier literarisch an Ihre Fersen. Bislang stellte sich bei mir jedes Mal schweres Fernweh (im Falle von Wien Heimweh) ein, wenn ich ein Kapitel gelesen habe, gleichzeitig kann ich aber auch nicht die Finger davon lassen.... Viel Erfolg mit Ihrem Blog und ich freue mich schon auf weitere Beschreibungen interessanter, für mich oftmals unbekannter Orte.

Kommentar von Wolfgang Sandner |

In der fotosession empfinde ich keinen Grusel, vielmehr verleiht es dem Auge einen touch an morbidem chick.
Die Menschen sind weg ,übergeblieben sind nur mehr deren Elaborate oder was davon noch vorhanden ist.
die Musik passt jedenfalls -ob so oder anders empfunden wird.
Wie würde all das wohl in etwa 100 Jahren aussehen...
Für mich stellen die Bilder eine Art Entschleunigung dar,
nichts wirkt hektisch.
Wahrscheinlich auch deshalb, da der Künstler uns beim betrachten Zeit lässt.

Kommentar von Elisabeth Hofbauer |

Ein Blog von Wolfgang Salomon, der uns mit Geschichten 'Abseits der Bücher' verwöhnt und mit Fotos in andere Welten entführt - herrlich! Und als Einstieg in die Blogger-Welt ein morbides Ausstiegsszenario, ja da passt zum Autor.
Durch die Ruinen des Ex-Ospedale zu streifen, den Verfall hautnah zu sehen und sich seinen Gedanken hinzugeben, das ist fast wie vor Ort zu sein. Man bergisst, dass es "nur" Worte und Fotos sind, die am Wochenbeginn aus dem Alltag entführen. Ach, wie schön!
Da ich weiss, welchen Aufwand ein Blog mit sich bringt - fundierte Themenrecherche, aktuelle Links, interessante Inhalte, Fotos, Videoschnitt und vieles mehr - ein großes Dankeschön, dass wir damit beglückt werden.
Ich wünsche dem Autor weiterhin viel Spass beim Schreiben und uns Lesern viele spannende, tolle Stories und stimmungsvolle Fotos!

Kommentar von Roman Mozelt |

Hammerfotos--- und die Musik dazu---beeindruckend-drückend --- gefällt mir sehr ---- Danke Wolfgang Salomon