A Day at the Horse Race oder Viertel Zwei in Metropolis!

Abseits der Pfade

„A Day at the Horse Race“ in der Leopoldstadt oder auch: Es ist „Viertel Zwei“ in Metropolis!

Wusstet Ihr schon dass Metropolis neuerdings mitten in der Leopoldstadt genauer gesagt am Rande des Praters beginnt? Mein soeben absolvierter nachmittäglicher Ostersonntagsspaziergang ließ mich gerade unerwartet in eine Welt eintauchen wo Moderne und Tradition so dermaßen heftig aufeinanderprallen, dass es nur so eine Freude ist (oder auch nicht).

Ausgehend von der U2 Station Krieau spaziere ich – zuerst noch etwas verunsichert ob der geisterhaften Stille - durch die menschenleeren, ausgestorben wirkenden Fußwege zwischen den futuristischen Gebäuden des „Viertel Zwei“. Ich fühle mich fast erschlagen von den ausufernden architektonischen Gebilden, in denen seit Kurzem gearbeitet, gewohnt, gegessen, geschlafen, studiert und auch geurlaubt, kurz gelebt wird.

Während der Dauer meines Rundganges treffe ich zwar auf keinen einzigen Menschen, aber die werden gerade in ihren funktionellen Wohn- und Arbeitseinheiten zugange gewesen sein. So stelle ich es mir zumindest in meiner unschuldigen Gedankenwelt vor!

Meine cineastischen Assoziationen zu diesem zukunftsweisenden Grätzel: Fritz Langs „Metropolis“ trifft in einer zeitgemäßen Version auf eine Bukarester Trabantenstadt zu Zeiten des Ceausescu-Regimes. Kubricks „Clockwork Orange“ kam mir beim Anblick des künstlichen Teiches, wo in riesigen pinkfarbenen (!!!) Lettern für „Total Living“ geworben wird, auch noch in den Sinn, und für ein Remake von „Fahrenheit 451“ wäre hier die perfekte Location.

Der hier ebenfalls ansässige, steril, entmenscht und seelenlos wirkende WU-Campus spiegelt dann doch irgendwie perfekt das wider, was sich der hier Nicht-Studierende unter Wirtschaft vorstellt. Hier ist man eher Nummer als Mensch. Mit etwas Glück bekommt man noch eine der Abdeckungsplatten aufs Köpfchen. Vielleicht schadet es ja gar nicht?!

Conclusio: Durchspazieren und staunen: Ja! Wohnen und werken: Eher nicht.

Nur ein paar Meter entfernt grenzt der altwürdige und traditionsreiche Wiener Trabrennverein – die Krieau – an das noch ofenwarme, neue Stadtviertel. Die Lautsprecheransagen, die ich schon vorher als Echo von den Häuserwänden wiederhallend vernommen hatte, sind nun glasklar zu hören als die Pferde mit ihren im Grätschsitz auf dem Sulki kauernden Jockeys an mir vorbeidonnern. Hinter mir die Stallungen und das gut besuchte Wirtshaus. Neben mir lehnen an der Abgrenzung der Pferderennbahn die vom Spektakel gebannten Zuschauer, die ihren Enthusiasmus mit Anfeuerungsrufen unterstreichen.

Heute ist freier Eintritt in der Krieau und auf der Tribüne geht es trotz kalten Wetters munter zu. Zerrissene Wettscheine liegen auf dem Boden. Vor den Wettschaltern befinden sich verärgerte und glückliche Gesichter dicht nebeneinander. Neue Wetten werden abgeschlossen. Geld wechselt seinen Besitzer. Die Stimme aus dem Lautsprecher gratuliert der strahlenden Siegerin, die winkend eine Ehrenrunde dreht, um anschließend für das Siegerfoto abgelichtet zu werden.

Ich verlasse den Rennplatz und spaziere am Zaun der Rennbahn entlang. Neben der neuen, verglasten Zuschauertribüne der Pferderennbahn gibt es noch einen „Lost Place“ zu bewundern. Die alte Tribüne, die halb verfallen auf ihren Abriss wartet. Ein wunderschön, morbide wirkendes Objekt, genau wie ich es liebe. 

Hier auf der vis-a-vis Seite von „Metropolis“ Verfall und Vergänglichkeit...Düben die Zukunft?!

Nach Umrundung der Pferderennbahn gelange ich wieder in die nach wie vor verwaisten Wege des „Viertel Zwei“. Die „Big Brother“ überwachten Eingänge und Fußwege sind fast ein Schock, nach der auf altwienerisch ausgedrückt „menschelnden“ Pferdebahn und als ich auf dem Nach Hause-Weg die U-Bahn-Station bei der Messe besteigen will, weisen Schilder beim Abgang darauf hin, dass diese Station nur mehr  „fernüberwacht“ wird…Orwell lässt grüßen.

Ich flüchte mich scheinbar von tausenden Kameras verfolgt auf das Bankerl vor dem Schweizerhaus und beruhige meine Nerven mit eiskalter Frucade, einer Tüte Schweizerhaus-Pommes und einer Cici-Semmel mit Zwiebelsenf. Die zwei Schaumrollen dienen als Wegzehrung, überleben ihr süßes Dasein allerding nicht einmal bis zum Praterstern. Die U-Bahn lasse ich heute lieber sein und mache mich auf Schusters Rappen in Richtung heimwärts.

Fotografischer Rundgang: http://www.abseitsderpfade.at/portfolio.html?category=5&item=81

Der hierbei verwendete Soundtrack stammt aus dem sehenswerten Federico Zampaglione Film „Tulpa“ (Tulpa bezeichnet in der tibetischen Mythologie eine Manifestation von Gedanken, die durch reine Willenskraft entsteht), den ich jedem Genre-Fan nur ans Herz legen kann. Aber das ist wieder eine komplett andere Geschichte.

A Presto!

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2 Kommentare

Kommentar von alexander rading |

inspirierend - spannend und entspannend - manchmal doch color - schoen

Kommentar von Eva Ricarda Simsa |

Ich liebe deinen Schreibstil! Mir ist, als hätte ich diesen Spaziergang eben selbst gemacht. Du hast also ab sofort einen neuen Fan ;) Ich werde jetzt mal das Archiv durchstöbern ... Vielen Dank für die Inspiration! :)