Reisenotizen Venedig 2016 Part III

Abseits der Pfade

Aqua Alta

Die Stadt steht mal wieder unter Wasser. Noch vor Sonnenaufgang hat mich die Hochwassersirene aus dem Schlaf gerissen. 93cm Aqua Alta wurde an den höchsten Stellen gemessen. Hüfthohe Gummistiefel und Regenponchos beherrschen heute die touristisch hochfrequentierten Zonen um den Markusplatz. Viele Geschäfte bleiben auf Grund der hereinströmenden Wassermassen geschlossen und der kalte vom Meer kommende Wind tut sein Übriges dazu, Venedig heute von seiner unwirtlichsten Seite zu zeigen.
In der hintersten Ecke von Castello, bei San Francesco della Vigna verkrieche ich mich hinter den Mauern des Klosters, das auf Grund seiner etwas erhöhten Lage dem Hochwasser trotzt und betrachtete die Wasserkaskaden, die aus den heillos überforderten Regenrinnen auf das steinerne Pflaster des verwaisten Innenhofs herabströmen. Verwilderte Katzen mit eingerissenen Ohren und struppigem Fell, die im Klosterkreuzgang sitzen und ebenfalls vor dem Regen Schutz suchen, reiben sich mit knurrenden Mägen schnurrend an meinen Hosenbeinen. Vom Kirchenschiff erklingen die mehrstimmigen Gesänge der Ordensbrüder. Ein kleines Mäuschen streckt seinen Kopf aus einer Ritze des Gemäuers und verschwindet sogleich wieder auf Nimmerwiedersehen in ihrer Behausung, als sie des ausgehungerten Katzenvolkes ansichtig wird. Der Geruch von Weihrauch übertüncht das salzige Aroma der Lagune.
In der Bar um die Ecke trinke ich meinen Espresso im Stehen und blättere durch die gestrige Ausgabe der „La Stampa“. Die ältere Dame hinter der Bar strickt an einer beigen Kinderweste mit aufgestickten Erdbeeren. Ihre Brillengläser sind verschmiert und ihre rotgefärbten Haare zu einem altmodischen Geflecht auf ihrem Kopf aufgetürmt. Der Regen prasselt gegen die Fensterscheiben und in einem dünnen Rinnsal unter der Eingangstür bahnt sich das erste Aqua Alte seinen Weg in die Bar.

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6 Kommentare

Kommentar von Martina |

Oh. Da bekomm ich gleich lust aufs Meer und auf Venedig.

Kommentar von Marianne |

Ein wunderbarer Blogbeitrag. Wir sind jedes Jahr in Pellestrina.

Kommentar von Herbert |

Da freue ich mich gleich umso mehr auf meine bevorstehende Reise nach Venedig.

Kommentar von Marianne |

Kalt könnt einem werden, wenn man das liest. Gratulation wie sie mit ihren Worten Stimmungen erzeugen können.

Kommentar von Johanna |

Ich habe gerade Blaues Venedig gelesen und bin begeistert. Dieser Beitrag ist leider nicht im Buch enthalten. Äußerst schade.

Kommentar von Corinna |

Toll geschrieben! Man kann sich so richtig in den Regentag hineinversetzen.